Meine Erfahrungen

Seite 1 von 2 1, 2  Weiter

Nach unten

Meine Erfahrungen

Beitrag  Huck am Do Dez 15, 2011 9:59 pm

Ich bin zufällig auf dieses Forum gestoßen und bin sehr froh, dass es dieses gibt. Ich gehöre auch zur geschlagenen Generation, obwohl ich in den 70ern und 80ern aufgewachsen bin. Meine Eltern, insbesondere mein Vater war schon relativ alt, dementsprechend auch seine Erziehungsmethoden. Ich bin was meine Erziehung angeht sehr zwiegespalten. Einerseits sage ich mir, daß die Prügelstrafe im Elternhaus in meiner Jugend und auch in meinem Umfeld (Dorf, tiefste Provinz) gesellschaftlich völlig anerkannt und üblich war, gewisse erzieherische Erfolge lassen sich auch nicht wegdiskutieren, dennoch habe ich vor allem durch die (teilweise sogar öffentlichen) Demütigungen einen ganz schönen psychischen Knacks abbekommen und leide noch heute an gewissen Traumata, die ich nicht aus dem Kopf bekomme, und das Gedankenkarussel dreht sich zeitweise unentwegt.

Das ganze Thema ist für mich aber so extrem schambesetzt, ich kann mit niemendem darüber reden, weil ich vor Scham im Boden versinken würde. Deswegen bin ich sehr froh, dieses Forum gefunden zu haben. Ich will nicht sagen, dass ich ständig von meinen Eltern verprügelt wurden weil dies so nicht stimmt, meine Elztern waren fürsorglich und liebevoll solange ich gehorchte und die Regeln befolgte... aber alle paar Wochen oder Monate bis zum Alter von 14,15 Jahren bekam ich eine ordentliche Tracht Prügel mit Kochlöffeln, Gürteln, einem Stock usw. wegen Ungehorsam oder sonstigen teilweise im Rückblick betrachtet lächerlichen Anlässen, teils auch aus nachvollziehbaren Gründen (Nicht falsch verstehen: nicht die Art der Bestrafung kann ich nachvollziehen, ich kann nachvollziehen, dass man seinem Kind dafür gewisse Sanktionen erteilt aber eben nicht durch Schläge!) ich kriege diese Erlebnisse einfach nicht aus dem Kopf. Vielleicht bin ich verletzlicher und sensibler als meine Leidensgenossen aus dieser Zeit, die die gleichen Erfahrungen machen mußten, diese aber irgendwie besser wegsteckten. Jedenfalls ist die Art meiner Erziehung für mich nach so langer zeit immer noch Thema. Verrückt, aber es ist so. pale

Huck
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am Do Dez 15, 2011 10:31 pm

Hallo huck

willkommen erst einmal.

Und genau diese Scham kennt ja jeder von uns. Als erwachsene Frau, erwachsener Mann bekennen, wie schmerzhaft diese Entwürdigung war? Viele (und ich habe den Verdacht: nicht wenige von denen wurden auch geschlagen!) reagieren dann mit einem "Mimimimimi, heul doch!", "Nimm Dich zusammen!" etcetc.

Was Du sonst über Deine Eltern sagst - dass es da auch Liebevolles gab - stimmt auch in meinem Fall. Es wurde auch bei uns nicht täglich zum Kochlöffel gegriffen. Aber eben häufig genug. Viel zu häufig. Und aus nichtigsten Anläßen.

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  shangri-la am Mo Dez 19, 2011 12:35 am

Genau wie bei mir. Bin zufällig hier rein gekommen. Muss mich erst einmal sammeln, alles ist wieder da. Der Schuhanzieher. Mein Bitten, mein Betteln...

Jule

shangri-la

Anzahl der Beiträge : 1
Anmeldedatum : 18.12.11

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am Di Dez 20, 2011 2:26 am

Hallo Huck,

Hierüber
gewisse erzieherische Erfolge lassen sich auch nicht wegdiskutieren
bin ich jetzt doch noch mal gestolpert. Hä? Inwiefern? Was war "erfolgreich"?

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Bei uns auch

Beitrag  schnobbl1234 am Fr Dez 23, 2011 7:49 am

Ich kenne das auch alles. Ich habe es bis 11 mit dem Kochlöffel gekriegt, danach sogar mit dem Rohrstock bis 15, meine Schwestern noch mit 17. Der Rohrstock stand bei uns immer offen im Schirmständer in der Diele....

schnobbl1234

Anzahl der Beiträge : 3
Anmeldedatum : 23.12.11
Alter : 50
Ort : Paderborn

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  Huck am Do Dez 29, 2011 4:43 am

Sorry, für die Abwesenheit, war über Weihnachten verreist. "Erzieherische Erfolge" war wahrscheinlich unglücklich ausgedrückt. ich bezog das zum Beispiel darauf, dass ich mal nach Strich und Faden verdroschen wurde, weil mein Vater Zigaretten in meiner Jacke gefunden hat. In der tat war es so dass ich danach aus Angst nie wieder geraucht habe. Gar nicht erst wieder angefangen, bis heute nicht. natürlich aus Vernunftsgründen, aber damals als Jugendlicher weil ich einfach tierisch schiss hatte, dass es nochmal rauskommt. ich bin heute froh, dass ich Nichtraucher geblieben bin, aber ich weigere mich standhaft dies als positives Resultat zu sehen.... auch wenn der Gedanke manchhmal aufkommt.

Huck

Anzahl der Beiträge : 7
Anmeldedatum : 15.12.11

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  wolf am Sa Dez 31, 2011 3:41 am

Sehr lange schon lebe ich mit dem Trauma meiner Kindheit und Jugend, aber bin hin-und hergerissen, ob man über das Vergangene einfach schweigen sollte auch anbetracht des Gebotes "Du sollst Vater und Mutter ehren!"
Vielleicht haben sie es ja nur gut gemeint und konnten nicht anders erziehen, als wie ich es erlebt habe, denn es war ja durchaus den Familien so üblich, dass körperlich gezüchtigt wurde, da hat man sich gar nichts bei gedacht.
Stamme aus einer sehr bürgerlichen Familie in einer niedersächsischen Kleinstadt, unsere Religion (ev.-luth.) hat immer eine große Rolle gespeilt, so bin ich schließlich auch Sozialarbeiter in einer kirchlich-diakonischen Einrichtung geworden (schon aus tiefster Überzeugung).
Von frühester Kindheit an gehörten Schläge zur Erziehung und ich bin tatsächlich bis fast zu meinem 18. Geburtstag so bestraft worden; das begann mit Schlägen mit der Hand auf den blanken Hintern und stiegerte sich dann ... Am Ende war es meist der Rohrstock, der zum Einsatz kam. Er hing für alle gut sichtbar in der Tischlerwerkstatt meines Vaters und jeder der dort war, konnte ihn sehen .... Das war schon megapeinlich.
Meine Mutter sorgte meist für die Bestrafung, indem sie irgendwelche Vergehen abends meldete und dann hatte man mit dem Schlafanzug bekleidet nach dem Essen in der Werkstatt zu erscheinen, nach einem ausführlichen Verhör mit Ohrfeigen etc. hatte man dann die dünne Hose herunterzulassen und bekam den Hintern meist grün und blau verdroschen - im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern voll gehauen und dann ab ins Bett. Das war dann besonders im Jugendalter immer sehr peinlich.
Es gibt so viele ganz konkrete Situationen, die mir vor Augen stehen und die immer wieder in mir hochsteigen - habe bisher nicht groß mit jemanden darüber geredet, aber es belastet mich - ich denke die Lebensmitte bringt es auch mit sich, dass man mehr über früher nachdenkt. Das Forum hat mich darauf gebracht, einmal darüber zu schreiben und Zuhörer zu finden. Vielleicht auch Ratgeber oder 'Leidensgenossen'.

wolf

Anzahl der Beiträge : 3
Anmeldedatum : 20.12.11
Ort : Niedersachsen

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am So Jan 01, 2012 4:07 am

Hallo Huck, hallo Wolf

zunächst einmal "Erfolge". Die bestreite auch ich nicht, wenn man denn gewisse "Zielvorgaben" anzeptiert. Natürlich kannste Dein Kind zum Abi prügeln. in Alexander Neills Worten (aus dem Gedächtnis zitiert): Ich würde den ganzen Koran(Bibel,Tora, ist ja egal...) auswendig lernen, wenn man mir Schläge androhte...nur würde ich dann den Koran, die Welt und mich selber nur noch hassen.

zum Gebot, Vater und Mutter zu lieben und zu ehren: Ich denke, wortwörtlich wird man die Bibel kaum zu verstehen haben. Ansonsten hätten die Evangelikalen schlicht Recht. Dann hätte das Weib tatsächlich in der Gemeinde zu schweigen. Das Liebesgebot gilt per Bibel ja auch umgekehrt, die Eltern sollen ihre Kinder lieben wie sich selbst. Und wenn sie das nicht tun...wer kann da noch Liebe einfordern? Entscheidend: dass man dort die berechtigte Wut auf seine Eltern erst einmal zulassen muss. Es geht nicht an, unter Verweis auf die Gebote diese zutiefst berechtigte Wut auch gleich wieder moralisch zu bewerten. Dann wären die double-binds perfekt. Das Opfer darf nicht wütend sein auf die Täter? Furchtbar... In meinen Augen widerspricht die Empörung gegen Unrecht nirgends den 10 Geboten.

Mich ärgert immer, wie Alice Miller wahrgenommen wird. Sie fordere zur Trennung auf, wolle Familien zerstören...nein, das wollte sie nicht. Aber sie wollte Ehrlichkeit. Erst einmal sich ehrlich machen. Hinterher mag man sehen, ob Versöhnung möglich ist. Versöhnung aber sofort barsch einfordern - das geht nicht.

Im wesentlichen habe ich mich schon vor 20, 22 jahren mit diesem Thema auseinander gesetzt, aber mir tat das "Revival" meiner Wut in den letzten Wochen - hervorgerufen insbesondere durch die Website Ingrid Müller-Münchs - noch einmal gut. Natürlich war nicht alles entsetzlich an meiner Kindheit. Aber das hat doch schon so manches zerstört. Und das darf ich auch so sagen. Hinzufügen möchte ich noch, dass es bei mir/uns nicht ganz so schlimm war wie bei Dir, Wolf.

herzliche Grüße und frohes Neues allen

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

an die Eltern

Beitrag  gast1 am Mo Jan 02, 2012 12:50 pm

ich habe ähnliche Erfahrungen machen müssen. Mein älterer Bruder und ich mussten die Hundeleine ertragen. Mein Bruder hat Selbstmord begangen. Mir ist erst seit kurzem klar, warum.

Ich versteh es aber weiterhin nicht, warum unsere Eltern das taten. Und würde es so gerne verstehen. Vor kurzem musste ich den Nachlass ordnen. Ich fand Neills "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung", als rororo-Taschenbuch. Gelesen.

Warum habt Ihr das getan, was Ihr getan habt?

gast1
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  Löwin am Di Jan 03, 2012 2:58 am

Hallo liebe Betroffene,

zunächst einmal Dir, x-ray und Dir, Admin sowie allen anderen Betroffenen ein frohes neues Jahr.

Euch allen wünsche ich, dass Ihr den für Euch passenden Weg finden werdet (eventuell auch mit professioneller Hilfe und/oder den Büchern von Alice Miller oder auch von Susan Forward, die die Auffassung von Alice Miller teilt), die Euch seitens Eurer Eltern zugefügten Schmerzen, sei es durch Schläge, sei es durch seelische Gewalt, zu überwinden, und dass Ihr mit der Zeit (dies dauert bei jedem verschieden lange) frei für ein neues und ja, auch glückliches Leben, ohne jegliche Gewalterfahrungen, werdet - ein Leben ohne Flashbacks und ohne Triggermomente.

Jede Betroffene, jeder Betroffener hat mein vollstes Mitgefühl, da ja auch ich selbst betroffen bin.
Mir selbst ist es gelungen, die mir zugefügten Schmerzen zu verarbeiten und seit Mitte des Jahres 2008 merke ich, es ist bei mir aufwärts gegangen (hierfür habe ich insgesamt fast 13 Jahre gebraucht) - Flashbacks und Triggermomente habe ich zum Glück nur noch selten.
Ich selbst habe mich von meinen Eltern losgesagt, denn wir können einander mit Worten und Emotionen nicht erreichen. Losgesagt habe ich mich auch von meiner gesamten Verwandtschaft einschließlich meinem Geschwister (ich habe ein wenige Jahre jüngeres Geschwister, das in der Kindheit keinerlei Gewalterfahrungen durch unsere gemeinsamen Eltern erfahren musste), da alle zu meinen Eltern halten und ich deren Meinung nach die böse Tochter und die böse Schwester bin - dies tangiert mich inzwischen nicht mehr, d. h. schmerzt mich inzwischen nicht mehr.

Vor rund 2 Wochen habe ich begonnen, hier ein wenig mitzuschreiben, zu diesem Zeitpunkt habe ich Rest-Urlaub für 2011 gehabt.
Einer meiner Neujahrsvorsätze für 2012 ist, mir nach Feierabend Internetabstinenz zu verordnen und stattdessen mehr Dinge mit meinem für mich weltbesten Mann oder Freunden zu unternehmen oder um einfach nach Feierabend gemütlich zu entspannen.
Kurzum: ich wollte hier nicht so einfach sang- und klanglos verschwinden.

Liebe Grüße und Euch alles, alles erdenklich Gute bei Eurer Aufarbeitung.
Löwin

Löwin
Gast


Nach oben Nach unten

Meine Erfahrungen

Beitrag  Mausi am Fr Jan 13, 2012 12:03 am

Hallo,
auch ich wurde in meiner Kindheit geschlagen. Als ich kleiner war wurde ich von meiner Mutter desöfteren mit dem Kochlöffel auf den Hintern geschlagen. Wenn ich die Hände davor gemacht habe, hat sie immer gesagt, ich solle die Hände wegtun, sonst würde es noch mehr wehtun. Das war dann meist in Form einer TrachtPrügel, also mehrere Schläge hintereinander. An Gründe, warum sie das getan hat, kann ich mich eigentlich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, das es Kleinigkeiten waren. Von meinem Vater wurde ich ab und zu mit der Hand auf den Kopf geschlagen, meist als direkte "Antwort" auf eine Widerrede oder in seinen Augen freche "Antwort", was für mich aber meist so schnell, überraschend und nicht nachvollziehbar kam, das ich in späteren Situationen oft schon zusammenzuckte und die Arme über mich hielt, wenn er nur zufällig die hand hob, weil ich dachte, er wolle mich schlagen. So zwischen meiner Teenie-Zeit und meinem 18. Lebensjahr wurde ich dann, glaube ich, nicht mehr geschlagen. Die Schlimmste Situation für mich war dann aber, als ich mit 18 von meiner Mutter ganz schlimm geschlagen wurde und sie auf mich gestürzt ist und geschrieen hat, sie würde mich umbringen und dabei wurde ich von meiner 5 Jahre älteren Schwester festgehalten. Angeblich weil ich so ausgarastet wäre und aufhören solle, zu schreien. Aber ist das nicht normal, das man schreit, wenn man von 2 personen festgehalten wird und von einer davon geschlagen wird. Diese Situation kommt in letzter Zeit immer wieder in mir hoch, besonders dann, wenn ich von meinem Vater daran erinnert werde, wenn er davon erzählt, das auch ich in meiner Jugend zickig gewesen wäre. Nämlich das eine mal, von dem meine Mutter ihm erzählt hat. Darüber komm ich nicht hinweg. Warum werde ich mit 18 noch verprügelt und meine Eltern fühlen sich jetzt noch immer im Recht und ich bin die Alleinschuldige. Warum können Sie nicht einfach mal zugeben, das sie auch Fehler gemacht haben. Ich käme da viel besser damit zurecht. Ich könnte ihnen das verzeihen. Oft muss ich auch daran denken, wie meine 3 Jahre ältere Schwester in ihrer Jugend regelrecht verprügelt wurde, ihr immer wieder gesagt wurde, sie solle nicht so schreien. ich weiß auch noch, wie ich ihr einmal zur Hilfe kommen wollte und gesagt habe, sie sollen aufhören, dann würde sie auch nicht mehr schreien. Aber ich weiß garnicht, ob sie das mitbekommen hat.
Das komische ist, das ich mich super mit meinen Eltern verstehe. Ich liebe sie wirklich sehr und wir hatten im Grunde eine wirklich schöne Kindheit (wenn man die paar Situationen wegdenkt). Ich bin fast täglich bei Ihnen und vermisse sie auch, wenn ich ein paar tage mal nicht dort war. Da vorallem mein Vater auch heute noch der Meinung ist, das das zu einer guten Erziehung dazugehört und uns das auch in der kindheit immer wieder so suggeriert wurde, ist das bei mir einfach noch zu fest verankert und ich habe das Gefühl, das sie das durften und ich immer selbst schuld daran war. Auch wenn mir immer mehr bewusst wird, das es nicht so ist. Wäre ich mit 18 nicht nochmal so heftig geschlagen worden, vielleicht könnte ich mich dann auch garnicht mehr so sehr daran erinnern, könnte das ganze weiterhin gut verdrängen. Ich weiß nicht, wie ich heute damit umgehen soll? Weiterhin verdrängen und ein paar Tränen verdrücken, wenn ich dann doch mal dran denke, bis ich es wieder verdränge oder daran arbeiten, es aufschreiben. Vielleicht sogar mal mit meinen Eltern oder auch mit meiner Schwester darüber reden. Aber davor habe ich solche Angst. Angst, das ich es schlimmer mache. Angst, das sie das bagatellisieren, mich nicht ernst nehmen. Und bei meiner Schwester habe ich Angst, das ich etwas ausgrabe, was sie vielleicht für sich schon gut verarbeitet hat oder gut verdrängt.
Ich frage mich heute nur, warum haben sie das getan?? Sie haben so viel damit kaputt gemacht. Nämlich meine eigentlich schönen Kindheitserinnerungen!

Mausi
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am Mo Jan 16, 2012 1:50 pm

Hallo Mausi

ich zitiere:
Das komische ist, das ich mich super mit meinen Eltern verstehe. Ich liebe sie wirklich sehr und wir hatten im Grunde eine wirklich schöne Kindheit
In Alice Millers Worten: Das Schlimme an solchen Sätzen sei, dass sie wahr seien. genau so denke ein Kind...

Zur Klarstellung: Da meine Mutter inzwischen begriffen hat, dass der Griff zum Kochlöffel (der damals, frühe/mittlere 70er, ABSOLUT üblich war!) wohl doch nicht so ganz das gelbe vom Ei war...: Ich habe mich auch immer mal wieder "prima" mit meinen Eltern verstanden...es blieb aber ein Schatten. Und was ich meinen Eltern gar nicht vorwerfe ist die "Senge" für "Vergehen", bei denen man immerhin sagen kann: Okay, da muss es sowas wie ne Sanktion geben. Was ich ihnen, nunja, vorwerfe ist die Senge, die mit der Eigenunterwerfung zu tun hatte. Andere "Erwachsene" (schreibt man das so?) "beschwerten sich über mein Verhalten"...und schon musste "für Ruhe gesorgt werden". Schon musste ich parieren. "Parier Order!" - das habe ich allen Ernstes so erlebt!

Wäre die Prügelerziehung genau so abgelaufen, wie sie ihrer Selbstbeschreibung gemäß zu sein hätte...niemand würde sich drum kümmern. Bloß zwei, dreimal übers Knie, nachdem man trotz verbot auf der Baustelle spielte als 11, 12jähriger? Geschenkt! Aber als 6jähriger vertrimmt werden, weil man der Erwachsenen X nicht "ordentlich genug" GuttenTach sagte...das ist eben nicht geschenkt. Und das merkt man sich auch, das bleibt...

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Meine erfahrungen

Beitrag  Mausi am Di Jan 17, 2012 2:36 am

Was mich auch beschäftigt: Kann es sein, das Eltern das Ganze auch verdrängen? Es komplett vergessen? Was meint ihr dazu?
Ich frage deshalb, weil ich mit meiner mutter geredet habe, wollte sie fragen, warum sie das gemacht hat?! Die aber fiel aus allen Wolken und wusste nicht mehr, das sie uns mit dem Kochlöffel geschlagen hat. Für sie war das nur ab und zu mal ein Popoklaps, von dem ihr nicht so besusst war, das er so schaden könnte. Jetzt habe ich mit meiner Schwester nochmal geredet, weil ich schon an meinen eigenen Erinnerungen gezweifelt hatte und die hat das mit dem Kochlöffel absolut bestätigt.
Meine Mutter war aber wirklich sehr glaubhaft in ihrer Aussage, sie habe uns nie mit dem kochlöffel geschlagen und hat mich sogar gefragt, ob ich das nicht vielleicht sogar geträumt habe. Irgendwie fiel sie aus allen Wolken und hat auch sehr geweint.
Viele Grüße, Mausi

Mausi
Gast


Nach oben Nach unten

Meine Erfahrung

Beitrag  Apple35 am Di Jan 17, 2012 3:51 am

Guten Tag erstmal, bin neu hier und würde gern meine Erfahrung mit euch teilen:
Ich bin heute 32 Jahre alt, weiblich und gehöre ebenfalls zu den geprügelten. Bei mir waren es beide Eltern, erst die Mutter und abends nach der Arbeit noch der Vater. Mutter hatte ihm immer gleich mit dem Öffnen der Haustür berichtet, dass ich wieder eine Tracht Prügel nötig hätte. Nicht jeden Tag, aber mindestens 3 Mal die Woche, so bis ich 18 Jahre alt war.
Es wurde geprügelt mit dem Gürtel, vorzugsweise mit der Schnalle, gern ins Gesicht oder auf den Oberkörper, mit der flachen Hand am liebsten ins Gesicht, mit Kabeln, Schuhen etc, was man gerade so griffbereit hatte. Am liebsten ins Gesicht, damit (o-Ton meine Eltern), die anderen auch alle sehen können, wie unmöglich ich war!! Es wurde auch vor Zuschauern geprügelt, vor Oma und Opa oder Onkeln und Tanten. Manchmal, wenn es zu heftig wurde, ist auch mal jemand dazwischen gegangen und hat gesgat, dass es jetzt genug sei. In meiner Verwandtschaft wurde keiner geprügelt, auch in meiner Klasse nicht (das Thema war mal aktuell in der Schule, ich habe aber aus Scham verschwiegen, dass ich geprügelt werde).
Die Gründe: 1. unerlaubte Besuche bei der Klassenkameradin - das war mir untersagt, Feunde durfte ich keine haben. Die Folge: erst Prügel von der Mutter, dann vom Vater (ich hatte meine Mutter natürlich angerufen um ihr zu sagen, wo ich bin - ich wurde dann bereits am Telefon auf die Prügel vorbereitet!!) Das war mir die Prügel manchmal wert, schließlich war ich so eine ganzen Tag lang in einer "normalen Familie", es gab Gespräche (bei uns zu Hause nie!!), Mittagessen (hatte meine Mutter keine Lust zu kochen), schöne Kinderzimmer (bei mir war nix mit Poster oder schönen Bildern), usw
2. unerlaubtes Sprechen während des Abendessens - (O-Ton mein Vater, halt beim Essen dein Maul sonst schlag ich dir das Gesicht knüppeldick) Die Folge: Schläge vom Vater in Gesicht
3. unerlaubtes Anbringen von Postern - naja, man schwärmt halt mal für einen Sänger oder Schauspieler, da hängt man mal ein Poster auf. Die Folge: Herunterreisen und Zerstören des Posters sowie Schläge von Mutter und abends vom Vater
Manchmal versuchte ich auch die Eltern davon zu überzeugen, dass ich irgendwas bekomme oder irgendwohin mit darf, dann habe ich gebittelt und gebettelt bis zuerst der Schuh mir ins Gesicht geflogen kam und dann gabs Dresche mit dem Gürtel oder dem Kabel vom Staubsauger.
Ich kam zu spät nach Hause - Prügel.....
Ich könnte stundenlang so weiterschreiben, es gab noch x-andere Situationen in denen ich Prügel bekam. Ich hatte auch dauernd blaue Flecken, von oben bis unten davon - zum Kotzen.
In meiner Kindheit wurde ich immer an der kurzen Leine gehalten, es gab keinen Urlaub,keine Freunde, keine Kindergeburtstage, etc... Nur Prügel gab es immer reichlich.
Für meine Eltern war das belustigend, wenn sie bei Familienfeiern erzählt haben, wie sie mich zu Hause "tanzen" lassen. Viele haben geglaubt, er mache nur Spaß, die haben das gar nicht für ernst gehalten und auch nur blöd gelacht. Ich jedoch finde meine Kindheit bis heute nicht lustig.
Erst als ich schön über 18 Jahre alt war hörte es auf. Da hatte ich dann einen Freund und bin von zu Hause ausgezogen.
Ich habe heute keine Freunde, da ich ja nichts durfte, haben sich die Mädchen schnell nicht mehr für mich interessiert, ich wurde nicht mehr eingeladen und keine wollte mehr mit mir reden.
Ich bin zuurückhaltend und es fällt mir schwer, Kontakte zu knüpfen, weil ich nicht wirklich vertrauen kann.
Naja, vielleicht wird das ja irgendwann besser!
Danke fürs Zuhören!

Apple35
Gast


Nach oben Nach unten

Mein Beitrag

Beitrag  Apple33 am Di Jan 17, 2012 3:56 am

Der Beitrag unter Apple35 ist von mir, hat sich ein Fehler im Namen eingeschlichen!! Sorry

Apple33

Anzahl der Beiträge : 3
Anmeldedatum : 17.01.12

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am Di Jan 17, 2012 4:20 am

@ Apple33

da sitze ich da und leg mich erst einmal nieder. Entsetzlich.

Wozu, frage ich mich, was hatten sie davon? Was sollte das? Krass und krank. Hat Dir denn niemand geholfen, niemand eingegriffen? Das war und ist strafrechtlich relevant, was Du erlebt hast. Kannst Du sie jetzt noch anzeigen? Informiere Dich. Wenn ja, tue es. Denen bist Du nichts schuldig, gar nichts...sie Dir eine ganze Menge. Du hast recht, sie haben Unrecht, das muss klar sein, klar bleiben.

Und wg Einsamkeit: Es ist schwer, aus der ferne etwas zuzurufen, aber: Tu etwas dagegen. Lass Dir helfen. Wir haben hier einige Links (siehe unten unter "Links und Hilfe")... oder schreibe mich an.

Tu, was Dir gut tut. Du, und nur Du, bist jetzt wichtig. keine Rücksichten, auf Deine sog. "Eltern" schonmal sowieso nicht, aber auch ansonsten nicht. Du bist es WERT, dass Du jetzt mal im Mittelpunkt zu stehen hast.

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  wolf am Do Jan 19, 2012 6:59 am

Ich suche sehr gerne auch Zuhörer und Leidengenossen, weil man nirgendwo die Möglichkeit hat sich über dieses Thema auszutauschen, dann kriegt man oft zur Antwort "Das ist doch schon so lange her - einfach vergessen!" Vielleicht hat ja jemand Zeit und Lust sich auch privat über die Erziehung auszutauschen. Ich wäre dankbar für jede Meldung.

wolf

Anzahl der Beiträge : 3
Anmeldedatum : 20.12.11
Ort : Niedersachsen

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am So Jan 29, 2012 3:02 pm

schade, qwolf, dass dieses forum Dir offenbar nicht bieten kann, was Du suchst. Worum genau geht es denn? was erwartest Du von einem Forum wie diesem?

lG

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  pickypui am Fr Feb 24, 2012 11:09 am

Ich bin wegen Alice Miller auf Euer Forum gestoßen und hab mir die Augen ausgeheult ob Eurer schrecklichen Erlebnisse. Ich bin zwar selber kein Gewaltopfer, "nur" von psychischer Gewalt, aber die Auswirkungen, die psychischen Folgen sind ja ziemlich ähnlich. Daher kann ich Euch so gut verstehen.
Besonders Dir, x-ray, möchte ich sagen, daß Du aufhören solltest, den Mißbrauch durch Deine Eltern kleinzureden und ihr Verhalten zu entschuldigen, weil sie ja "auch liebevoll" sein konnten. Daß sie aus nichtigen und nicht nachvollziehbaren Gründen geprügelt haben, ist ein Verbrechen. Das "Liebevolle" sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist nicht schönzureden, daß Deine Eltern Dir psychische und physische Gewalt angetan haben und natürlich auch bei keinem anderen von Euch. Gewalt gegen Kinder ist und bleibt ein schweres Verbrechen. Es gibt ja auch keine "weniger schlimme" Vergewaltigung. Vergewaltigung bleibt Vergewaltigung. M.E. gibt es höchstens besonders grausame Vergewaltigungen und Mißbräuche. Aber es gibt keine leichten Mißbräuche. Der Schaden ist bei allen Gewaltopfern gleich: schwere Schuldgefühlproblematik, Angst, Unsicherheit, Entscheidungsschwierigkeiten, fehlendes Vertrauen. Die einen finden eine Strategie, damit zurechtzukommen, die andere brauchen eine Therapie. Meine Therapeutin sagt, ein Kind muß nur einmal Gewalt sehen und ist fürs Leben geprägt. Wenn es ein zweites Mal mit der Gewalt (z.B. Vater prügelt die Mutter) konfrontiert wird, hat es einen Schaden, der umso größer ist, wenn das Kind selber Opfer ist und keinen Schutz und keine Erklärung durch Vater oder Mutter erfährt.
Und was ich noch allen sagen möchte, die der Meinung sind, "damals war es halt so" und hiermit ihre prügelnden Eltern entschuldigen: Es gibt genug Eltern, die Prügel abgelehnt haben, obwohl das "damals halt so war". Warum? Weil sie eine tiefe Liebe zu ihren Kindern empfanden und ihnen den Schutz geboten haben, den Kinder nun mal brauchen und sich nicht mal im Traum vorstellen konnten, ihrem Kind Gewalt anzutun. Prügelnde Eltern sind nichts als unausgereifte Persönlichkeiten, die nicht gelernt haben, mit ihrer Wut und Aggression umzugehen, und ihren Zorn an den Kindern ausladen Gewalt ist durch nichts zu entschuldigen.

pickypui
Gast


Nach oben Nach unten

Ganz herzlichen Dank an pickypui

Beitrag  Seagull am Sa Feb 25, 2012 8:12 am

[/quote]Ich bin wegen Alice Miller auf Euer Forum gestoßen und hab mir die Augen ausgeheult ob Eurer schrecklichen Erlebnisse. Ich bin zwar selber kein Gewaltopfer, "nur" von psychischer Gewalt, aber die Auswirkungen, die psychischen Folgen sind ja ziemlich ähnlich. Daher kann ich Euch so gut verstehen.
Besonders Dir, x-ray, möchte ich sagen, daß Du aufhören solltest, den Mißbrauch durch Deine Eltern kleinzureden und ihr Verhalten zu entschuldigen, weil sie ja "auch liebevoll" sein konnten. Daß sie aus nichtigen und nicht nachvollziehbaren Gründen geprügelt haben, ist ein Verbrechen. Das "Liebevolle" sollte doch eine Selbstverständlichkeit sein. Es ist nicht schönzureden, daß Deine Eltern Dir psychische und physische Gewalt angetan haben und natürlich auch bei keinem anderen von Euch. Gewalt gegen Kinder ist und bleibt ein schweres Verbrechen. Es gibt ja auch keine "weniger schlimme" Vergewaltigung. Vergewaltigung bleibt Vergewaltigung. M.E. gibt es höchstens besonders grausame Vergewaltigungen und Mißbräuche. Aber es gibt keine leichten Mißbräuche. Der Schaden ist bei allen Gewaltopfern gleich: schwere Schuldgefühlproblematik, Angst, Unsicherheit, Entscheidungsschwierigkeiten, fehlendes Vertrauen. Die einen finden eine Strategie, damit zurechtzukommen, die andere brauchen eine Therapie. Meine Therapeutin sagt, ein Kind muß nur einmal Gewalt sehen und ist fürs Leben geprägt. Wenn es ein zweites Mal mit der Gewalt (z.B. Vater prügelt die Mutter) konfrontiert wird, hat es einen Schaden, der umso größer ist, wenn das Kind selber Opfer ist und keinen Schutz und keine Erklärung durch Vater oder Mutter erfährt.
Und was ich noch allen sagen möchte, die der Meinung sind, "damals war es halt so" und hiermit ihre prügelnden Eltern entschuldigen: Es gibt genug Eltern, die Prügel abgelehnt haben, obwohl das "damals halt so war". Warum? Weil sie eine tiefe Liebe zu ihren Kindern empfanden und ihnen den Schutz geboten haben, den Kinder nun mal brauchen und sich nicht mal im Traum vorstellen konnten, ihrem Kind Gewalt anzutun. Prügelnde Eltern sind nichts als unausgereifte Persönlichkeiten, die nicht gelernt haben, mit ihrer Wut und Aggression umzugehen, und ihren Zorn an den Kindern ausladen Gewalt ist durch nichts zu entschuldigen.[[quote]

Liebe(r) pickypui,

ich möchte Dir ganz recht herzlich für Deinen Beitrag danken. Er spricht mir aus tiefster Seele. Jeden einzelnen Satz von Dir kann ich unterstreichen.

Auch ich wollte zeitnah zu meinem Beitrag vom 2. Februar 2012 einen Beitrag schreiben, der haargenau das Gleiche aussagt wie Deiner. Aber beim genaueren Durchlesen einiger Beiträge hier, ist auch mir hier im Forum sehr sauer aufgestoßen, dass manche User hier das Verhalten von Eltern entschuldigen mit einem Satz wie "das hat man aber damals so gemacht" oder wie Du schreibst (ich zitiere Dich hier): "damals war es halt so"
Bei anderen Beiträgen über schlimme Erlebnisse musste ich sehr weinen, viele Erinnerungen kamen wieder hoch ... und sie haben mich ein paar Tage lang stark in Gedanken beschäftigt.

Nein, auf keinen Fall sollten Misshandlungen auch noch klassifiziert werden im Sinne von: "sehr schlimm", "schlimm", "weniger schlimm", "nicht ganz so schlimm", "aaachchch, das war doch gaaar nichts ... nun stellllll dich doch nicht so aaahaaannn... ... seieiei... doch nichchcht so empfiiindliiichchch...".
Für mich persönlich ist auch jeder noch so kleine Klaps auf die Finger im Sinne von "schnelle Katzenpfote" oder jedes "Buffen" mit der Faust an den Oberarm im Sinne von "Katzenkopf" oder wie solche Gewalt auch immer "benamt" wird, ein schweres Vergehen. Wenn mein Kater mich mit seiner Pfote an der Hand/am Arm kratzt, weil ich nach seinem Empfinden vielleicht etwas falsch gemacht oder ich ihn versehentlich erschreckt habe, kann ich meinem Kater als Tier dies nachsehen ... er bekommt von mir trotzdem regelmäßig sein Futter/Trinken, Streicheleinheiten und, wenn notwendig, tierärztliche Versorgung.

Und die Häufigkeit von Misshandlungen spielt bei mir auch keine Rolle. Ich wurde auch nicht jeden Tag geschlagen oder mit Worten übelst beleidigt. Auch ich hatte ein gepflegtes Zuhause mit hübschem Jugendzimmer, Garten und "pipapo", hatte immer zu essen, saubere Kleidung, konnte mich waschen, baden und duschen, durfte auf Kindergeburtstage und durfte Kinder/Jugendliche mit nach Hause bringen (ach was war meine "holde" "Mutter" doch nett zu anderen Kindern/Jugendlichen), wurde ärztlich versorgt bei Grippe mit hohem Fieber oder Masern und anderen Kinderkrankheiten, durfte Bildung genießen. Und in den Sommerferien wurden Urlaubsreisen unternommen. Nichtsdestotrotz haben mir die nicht täglichen Misshandlungen seelisch geschadet (starke Minderwertigkeitskomplexe, extreme Schüchternheit, Panikattacken, depressive Stimmungen, Sozialphobie und Angststörung) und ich verurteile meine Eltern dafür. Ich geb's zu, ich würde sie deswegen sehr gern hinter "schwedischen Gardinen" sehen, weil sie nichts von dem, was sie mir antaten, bereuen. Mein "Vater" hat sich wegen seines "schafsmäßigen" Nichteingreifens genauso des Verbrechens gegen mich schuldig gemacht wie meine "Mutter".

Viele Bücher von Alice Miller habe ich im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen (und ganz besonders ihr letztes Buch >Dein gerettetes Leben<), und immer nur laut vor mich hingesagt: "Aha??!!" ... "Also doch!!" ... "Nix hier mit Herunterspielen/Bagatellisieren ... neeneeneeneenee". Meine sehr nette Therapeutin hat mir die Bücher damals empfohlen. Seelisch geht es mir zwar Schritt für Schritt besser, bin auch nicht mehr so schüchtern, dennoch möchte ich mit vielen Menschen in unserer Gesellschaft nichts zu tun haben, weil sehr viele Menschen vom Thema Kindesmisshandlung nichts hören wollen, weil dieses Thema am besten "hübsch" unter dem Teppich gekehrt bleiben soll, oder weil das Thema bagatellisiert wird.

Am 2. Februar d. J. hatte ich bereits in meinem ersten Beitrag unter dem Thema >Meine tolle Kindheit< geschimpft wie ein Rohrspatz über das Wort "fairerweise". x-ray hat es richtig gestellt, das erkenne ich an. Dennoch mag ich mich hier nicht registrieren, weil mir einige User meinem Eindruck nach Elternschonung betreiben im Sinne von "das hat man aber damals so gemacht".

Ich gehöre zu denen, die nicht sagen "das hat man aber damals so gemacht" ... das lehne ich ab. Ich kann und will meine "holde", selbstgerechte "Mutter" und das dummes-Schaf-mäßige Verhalten meines "Vaters" nicht entschuldigen "nur" weil "man das damals so gemacht hat". Dies gilt auch für alle anderen mir nicht bekannten Eltern. Alle Eltern, die damals Gewalt angewendet haben, sollten sich in Grund und Boden schämen. Dass die alle ohne Konsequenzen frei herumlaufen dürfen ... das will in meinen Kopf nicht rein.
Ich gehöre zu der Fraktion, die lieber im realen Leben eine Gruppe der früher misshandelten Kinder gründen würde (so wie es auch diese verlassenen Eltern tun, von denen ja immer wieder in den Medien berichtet wird und die sogar Bücher über den Kontaktabbruch ihrer Kinder und über Funkstille geschrieben haben (z.B Angelika Kindt oder Tina Soliman)), und auf gesellschaftlicher wie auf juristischer Ebene Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für uns viele Millionen früher misshandelte Kinder fordern würde.

In dem Buch >Die geprügelte Generation< habe ich gelesen, dass sogar die Justiz Eltern das Schlagen erlaubt hat. Und hier setzt meine riesengroße Wut/mein riesengroßes Unverständnis ein. Die juristische Erlaubnis des Schlagens finde ich mehr als unverantwortlich!! Dafür fehlen mir echt die Worte!! Wie strunzdumm (ja, ist doch wahr!!), kaltherzig und gefühllos mochten die damaligen Juristen, die das Gesetz verzapft hatten, eigentlich gewesen sein??!! Trotzdem kollidiert dieses juristisch "Verzapfte" für mich mit den ersten drei Artikeln unseres Grundgesetzes und mit den allgemeinen Menschenrechten.

Immer wieder komme ich, wie Alice Miller, zu dem Fazit: Hätte es keine Gewalt gegen Kinder gegeben, dann hätte es auch weltweit keine Kriege gegeben. Auch in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Schule und Gesellschaft wäre es dann absolut menschlich zugegangen.
Und meinen persönlichen Beitrag zur Menschlichkeit leiste ich, indem ich mich von allen toxischen Menschen fernhalte, Misshandlungen zur Anzeige bringe (sollte ich jemals Augen- und Ohrenzeuge werden), ethisch einkaufe (keine Kinderarbeit, kein Schlagen von Frauen bei der Herstellung von Bekleidung in Billiglohnländern), nicht mehr Wählen gehe, und als Bürger den Plan B für eine neue Politik-, Geldpolitik- und Gesellschaftsordnung ausgearbeitet von einem bekannten Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik (einer der Leiter ist auch Buchautor und ist gelegentlich vormittags auf ntv zu sehen) und dessen wissenschaftlichen Beirat unterstütze bzw. damit sympathisiere.

Ich wünsche mir eine absolut menschliche, friedliche, faire, gerechte Welt/Gesellschaft ... frei von jeder Form von Gewalt, sei es in der Familie, Politik, Wirtschaft und unserer Gesellschaft, sei es in Form von Gesetzen. Und Wiedergutmachung/Gerechtigkeit für uns viele Millionen früher misshandelte Kinder.

Grüße
Seagull

Seagull
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am Sa Feb 25, 2012 11:51 am

Hallo seagull

ein registrieren hat nichts mit Billigung/Nicht-Missbilligung einzelner User/innen zu tun. Aber Du kannst hier natürlich auch unregistriert schreiben.

dass Du meine Erläuterungen zur kenntnis genommen hast. freut mich. Es war wirklich genau so gemeint, wie Du es auch schreibst:
Auch ich hatte ein gepflegtes Zuhause mit hübschem Jugendzimmer, Garten und "pipapo", hatte immer zu essen, saubere Kleidung, konnte mich waschen, baden und duschen, durfte auf Kindergeburtstage und durfte Kinder/Jugendliche mit nach Hause bringen (ach was war meine "holde" "Mutter" doch nett zu anderen Kindern/Jugendlichen), wurde ärztlich versorgt bei Grippe mit hohem Fieber oder Masern und anderen Kinderkrankheiten, durfte Bildung genießen. Und in den Sommerferien wurden Urlaubsreisen unternommen. Nichtsdestotrotz haben mir die nicht täglichen Misshandlungen seelisch geschadet (starke Minderwertigkeitskomplexe, extreme Schüchternheit, Panikattacken, depressive Stimmungen, Sozialphobie und Angststörung) und ich verurteile meine Eltern dafür.
Unterschreibe ich alles. Auch meine Kindheit war so. Ich will nicht auf ein "nicht-so-schlimm" hinaus, aber auf ein "anders". meine Erfahrungen waren auch schlimm. Aber sie waren anders als etwa "Aua"s entsetzliche Erfahrungen. Es geht nicht ums gegeneinander ausspielen - aber darum, zur kenntnis zu nehmen, dass eine wurde-nur-gequält-Kindheit denn doch noch andere Folgen zeitigte als jene double-bind-Kindheit - liebevolles (keine ""!) Umsorgen bei Krankheit, Kochlöffel bei "Widerworten". Ich wurde nicht mit kochendem Wasser überbrüht, man hat keine Zigaretten auf meiner Haut ausgedrückt. Es geht mir darum, das sich klar zu machen. In gewisser Weise (aber bitte jetzt nicht falsch verstehen!) kann, zumindest auf bestimmte Menschen, so eine double-bind-Kindheit psychisch sogar zu schwieriger aufzudeckenden Folgen führen, weil sozusagen keine moralische Eindeutigkeit vorliegt. (nicht schlimmere Folgen, aber schwieriger aufzudecken, weil man immer wieder mit einem "aber sie konnten doch auch liebevoll sein" konfrontiert wird.) Das ist mein erster Punkt.

Mein zweiter, und ich muss wohl mich wieder der Gefahr aussetzen, missverstanden zu werden: Es war normal. leider. Das ist ja das Problem. Ingrid Müller-Münch sagt in ihrem Buch ja auch nichts anderes. Und genau darauf will ich hinaus. Damit sind unsere Eltern nicht entschuldigt (auch in den 50ern gab es eine liberale, weltoffene Minderheit von Eltern, die die Entwicklungen der reformpädagogik nicht vergessen haben). Sie konnten auch anders. Aber man muss historisch, jetzt fällt das böse Wort schon wieder, "fair" sein: So dachte die Mehrheit. das ist ja das Problem. So herum meinte ich "fairerweise". Und so antworten heute selbst die Eltern, die anfangen, sich mit ihren Eefiziten auseinanderzusetzen "Ja, aber es haben doch damals alle..." Und haben auch. Stimmt. Leider.

Es geht nicht um Entschuldung, da bin ich ganz auf Alice Millers Seite.

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  pickypui am Sa Feb 25, 2012 1:20 pm

@x-ray: damals haben aber eben doch nicht alle.... Auch wenn es normal war, RICHTIG war es keinesfalls. Und ich glaube, es gibt auch einen Unterschied, ob man bestraft wird, weil es einen triftigen Grund gibt (das Kind setzt die Küche in Brand oder reißt sich von der Hand los und rennt über die Straße), was ein Kind noch nachvollziehen kann, oder ob ein Kind gezüchtigt wird, weil es grad zur falschen Zeit am falschen Ort ist, weil Papa halt miese Laune hat und sich irgendwo ausladen muß.
Ich billige keine körperliche Bestrafung, aber bei völlig grundlosen, unkontrollierbaren, unangemessenen, unvorhersehbaren Mißhandlungen kommt dem Faktor "psychische Gewalt" eine entscheidende Bedeutung zu und man muß von echter seelischer Grausamkeit sprechen. Wer den Kochlöffel oder andere Hilfsmittel zum Schlagen verwendet, egal aus welchem Grund, ist für mich ein Kandidat fürs Häfen oder besser fürs Stadreinigungsteam + anschließendem Erziehungscamp (Elternführerschein).
Lg Ruth

pickypui
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  pickypui am Sa Feb 25, 2012 1:31 pm

Und was mir zur Bestrafung der verjährten Täter einfällt: sie sollten allesamt dazu verdonnert werden, die Therapien für ihre Kinder zu zahlen und einige Abende in Psychoedukation absitzen müssen (selbstverständlich auf eigene Kosten). Ich verstehe wirklich nicht, warum diesbezüglich NICHTS gemacht wird. Was haben wir für eine Justiz? Zum Kotzen!

Lg Ruth

pickypui
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  x-ray am So Feb 26, 2012 12:01 am

Hallo pickypui

also:
Wer den Kochlöffel oder andere Hilfsmittel zum Schlagen verwendet, egal aus welchem Grund, ist für mich ein Kandidat fürs Häfen oder besser fürs Stadreinigungsteam + anschließendem Erziehungscamp (Elternführerschein).
ist jetzt irgendwie auch nix anderes als n Kochlöffel, oder?

Zum Juristischen habe ich hier bereits Links angeboten: Im Gegensatz zu sexueller gewalt ist körperliche Misshandlung nunmal leider in aller regel verjährt.

Ansonsten: ich will hier keinen Flamewar: Aber ist meine Unterscheidung "historisch begreifen/Verstehen" versus "entschulden" denn so schwer zu verstehen. Entschuldet wird hier gar nichts. Es geht ums historische Verstehen.

x-ray

Anzahl der Beiträge : 50
Anmeldedatum : 13.12.11
Alter : 51
Ort : Hamburg

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  pickypui am So Feb 26, 2012 1:08 am

@x-ray, versteh mich nicht falsch: wer sich mit einem Kochlöffel an Kindern abreagiert, gehört m.E. bestraft. Das sind Erwachsene, die Kinder mißbrauchen, und Kindesmißbrauch ist für mich eines der schlimmsten Verbrechen. schließlich leiden die Kinder eine Ewigkeit an den Folgen, während die Eltern nach einem Gewaltakt in Ruhe die Zeitung lesen oder ein heißes Bad nehmen und, sobald die Kinder außer Haus sind, überhaupt nicht mehr über ihre Schandtaten nachdenken. Da das Häfen an sich den Menschen nicht bessert, finde ich ein bißchen leichte Zwangsarbeit wie Hundehäufchen wegschaufeln und ein Erziehungscamp für prügelnde Eltern, wo diese auch ein bißchen Kohle lassen müssen, die bessere Alternative. Allein schon zum Wohle nachfolgender Kinder. Leider ist es eine Illusion, denn solange Mißbrauchsfälle verjähren können, solange wirds auch keine Erziehungscamps für Eltern geben.
Naja, nachdem ich kein physisches Gewaltopfer bin, habe ich ja hier eigentlich keine Daseinsberechtigung. Ich will keinem von Euch vor den Kopf treten, denn Ihr alle habt schon genug mitgemacht. Alles Liebe an Euch alle!
Lg Ruth

pickypui
Gast


Nach oben Nach unten

Re: Meine Erfahrungen

Beitrag  Gesponserte Inhalte


Gesponserte Inhalte


Nach oben Nach unten

Seite 1 von 2 1, 2  Weiter

Nach oben

- Ähnliche Themen

 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten